Strommärkte in Europa: Prognosen für Sommer 2022

Von Gasmärkten, die sich an die neue geopolitische Realität anpassen, bis hin zu Preiskontrasten und Volatilität in den nordischen Ländern – Analysten von Insight by Volue verraten uns, was den Strommarkt erwartet.

29. Juni 2022

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#1 Lieferbeschränkungen bei Nord Stream 1 erschüttern Gasmärkte

Im Vorfeld des Sommers scheinen sich die Gasmärkte in Europa zunehmend zu stabilisieren. Obwohl die Preise auf historisch hohem Niveau liegen, passt sich der Markt an die neue geopolitische Realität und an die Lieferkürzungen an, nachdem Russland die Lieferungen an mehrere Länder eingestellt hat. Die Speicherstände normalisieren sich, da weiterhin LNG nach Europa gelangt.

Seit Mitte Juni sind die Durchflussmengen durch Nord Stream 1 auf 40 Prozent der Kapazität beschränkt. Gazprom macht Sanktionen dafür verantwortlich, die verhindern, dass eine Turbine nach einer Überholung in Kanada nach Russland zurückgeschickt werden kann. Nord Stream 1 hat über einen längeren Zeitraum den Großteil des russischen Gases zu einem stabilen Volumen nach Europa geliefert, und einige sind sehr besorgt, dass Russland die Situation nun nutzt, um den Druck auf Europas ohnehin angespanntes Energiesystem weiter zu erhöhen. Erschwerend kommt hinzu, dass der LNG-Export des Freeport-Terminals in den USA nach einem Brand seit mehr als drei Wochen außer Betrieb ist, wodurch 20 % der US-Exportkapazität wegfallen.

Die Aussichten für die Nord-Stream-1-Durchflussmengen in diesem Sommer sind höchst ungewiss, und der Ausfall von Freeport macht Ersatzgas in Form von LNG für Europa teurer. Um die Nachfrage zu senken, bemühen sich mehrere Länder darum, stillgelegte Kohlekraftwerke wieder in Betrieb zu nehmen und Pläne für den Fall akuter Versorgungsengpässe bereitzuhalten. Die Befüllung der Speicher vor dem Winter hat Priorität, und das EU-weite Durchschnittsziel von 80 % Füllstand bis zum 1. November ist noch erreichbar, wird jedoch mit einem hohen Preis verbunden sein. Dieser Sommer wird zweifellos deutlich angespannter verlaufen, als die Marktteilnehmer noch vor wenigen Wochen erwartet hatten.

Bjørn Inge Vik, Marktanalyst mit Spezialisierung auf LNG und CO₂, Volue

#2 Bärische Faktoren belasten CO₂-Preise

Die CO₂-Preise haben sich seit einigen Monaten überwiegend in der Spanne von 80–90 €/t gehalten, gestützt durch den engeren Markt, den das „Fit for 55"-Paket der EU einleiten wird. Wir erwarten, dass einige Maßnahmen aus dem jüngsten „REPowerEU"-Vorschlag der Europäischen Kommission mittelfristig bärische Auswirkungen auf die Angebots-/Nachfrageentwicklung haben werden. Rund 200–250 Mt bislang unerwarteter Volumina werden dem EU-ETS-Markt mittelfristig zugeführt, um Einnahmen zur Finanzierung der Maßnahmen aus dem Vorschlag zu generieren. Zudem wird der enorme Anstieg der EU-27-Solarausbauziele für 2025 im Rahmen von „REPowerEU" die Emissionen des Stromsektors verringern.

Darüber hinaus erwarten wir, dass der schwache gesamtwirtschaftliche Ausblick in Europa und die Energiekrise die Stromnachfrage in der EU-27 beeinflussen und sich in den nächsten Jahren auf die Emissionen auswirken werden. Eine geringere Kernkraftleistung sowie ein höherer Verbrauch von Steinkohle und Braunkohle in der Wärmekrafterzeugung werden dies nur geringfügig ausgleichen.

Espen Andreassen, Senior Analyst, Volue

#3 Warmer und trockener Sommer in Europa

Mai und Juni waren für den Großteil Europas durch unterdurchschnittliche Niederschlagsmengen geprägt. Dies hat sich erheblich auf den Flussabfluss, die Zuflussmengen und die Wasserkraftreservoirstände ausgewirkt. So erlebt Italien beispielsweise die schlimmste Dürre seit 70 Jahren.

Der Wetterausblick für Sommer und Herbst deutet darauf hin, dass die warmen und trockenen Bedingungen, die Europa in den vergangenen Monaten beeinflusst haben, anhalten werden. Die Wahrscheinlichkeit überdurchschnittlicher Temperaturen ist auffallend hoch. Das Signal für die Niederschlagsmenge ist etwas schwächer als für die Temperatur, doch unterdurchschnittliche Niederschläge sind am wahrscheinlichsten.

Silje Eriksen Holmen, Wetter- und Hydromodellierung, Volue

#4 Angespannte Angebots-Nachfrage-Lage in Kontinentaleuropa

In Kontinentaleuropa wird der restliche Sommer durch eine angespannte Angebots-Nachfrage-Situation geprägt sein. Wir sehen das Risiko hoher Preise in ganz Europa, bedingt einerseits durch den bullischen Brennstoffeffekt und andererseits durch die besorgniserregend niedrigen Flusspegelstände in mehreren Ländern wie Italien und Frankreich – was zu einer erheblichen Reduzierung der Wärmekraft- und Kernkraftleistung führen könnte.

Silvia Messa, Senior Analyst, Volue

#5 Preiskontraste und Volatilität in den nordischen Ländern

In Nordnorwegen könnten die Preise den gesamten Sommer über unter 10 €/MWh liegen – ein starker Kontrast zu den Preisen in Südnorwegen, wo sie im kommenden Winter auf über 250 €/MWh steigen könnten.

Die schwedischen Preise werden volatil sein und je nach Windlage zwischen sehr niedrigen Preisen und europäischen Preisniveaus schwanken.

Tor Reier Lilleholt, Head of Market Analysis, Volue