Welche Auswirkungen könnte ein möglicher Handelskrieg zwischen der EU und den USA auf die Strompreise und den industriellen Energieverbrauch in Europa haben? Silvia Messa, Head of Analysis for Continental Europe & Japan bei Insight by Volue, analysiert aktuelle Wirtschaftsindikatoren und führt szenariobasierte Simulationen mit dem Fundamentalmodell von Volue durch. Lesen Sie die vollständige Analyse, um zu erfahren, wie der deutsche Strommarkt davon betroffen sein könnte.
Silvia Messa
27. Mai 2025

Trotz zweier großer globaler Schocks – der COVID-19-Pandemie und der Invasion der Ukraine mit der daraus folgenden Energiekrise – ist die europäische Wirtschaft im vergangenen Jahrzehnt weiter gewachsen.
Laut EUROSTAT ist das BIP der EU seit 2015 um mehr als 15 % gestiegen (European Statistical Monitor). Die Inflation liegt derzeit bei 2,5 %, und die Arbeitslosenquote befindet sich mit 5,7 % nahe einem Rekordtief.
Dennoch ist der Economic Sentiment Indicator trotz dieser positiven Nachrichten in den vergangenen Monaten gesunken – insbesondere in der DACH-Region –, während er in Südeuropa optimistischer bleibt.
Ein wichtiger Trend, den es zu beobachten gilt, ist die Divergenz der Produktion zwischen dem Industrie- und dem Dienstleistungssektor. Wie das nachstehende Diagramm zeigt, ist die traditionelle Industrieproduktion (dunkelblaue Linie) ins Stocken geraten – insbesondere nach der Gaskrise von 2022 –, während die Produktion des Dienstleistungssektors in den vergangenen Jahren fast jeden Monat neue Höchststände erreicht hat (European Statistical Monitor).

Mit Blick auf Deutschland ist der industrielle Stromverbrauch laut BDEW seit 2014 um mehr als 16 % gesunken. Das nachstehende Diagramm von DESTATIS hebt zwei wichtige Indizes hervor:
In Blau der Index der Industrieproduktion (Verarbeitendes Gewerbe und Bergbau)
In Rot der Produktionsindex für energieintensive Industrien, der im Jahr 2024 um 20 % unter dem Basiswert von 2015 liegt (Index = 100).

Einer der Haupttreiber hinter diesem industriellen Abschwung sind Europas hohe Stromkosten – die deutlich über denen globaler Wettbewerber wie den USA, China und mittlerweile sogar Japan liegen.

Der Anstieg der ETS (Emissions Trading System)-Preise seit 2020 hat dabei eine wesentliche Rolle gespielt. Die Erzeugung von 1 MWh Energie mit einem CCGT (Combined Cycle Gas Turbine) verursacht rund 0,4 Tonnen CO₂. Ein Kohlekraftwerk mit mittlerem Wirkungsgrad emittiert 0,8 Tonnen/MWh. Die Kosten für die Abdeckung der CO₂-Emissionen spiegeln sich in den sogenannten SRMC (Short-Run Marginal Costs) wider, die die variablen Kosten konventioneller Kraftwerke darstellen.

Europa steht nun vor einer neuen wirtschaftlichen Bedrohung: den aufkommenden Handelsspannungen und möglichen Zollerhöhungen mit den Vereinigten Staaten. Welche Zölle werden die USA auf europäische Waren erheben? Und wie wird sich dies auf die Rohstoffpreise auswirken?
Mit Blick auf den Stromsektor hat unser Analystenteam, das Kontinentaleuropa und Japan im Rahmen von Insight by Volue abdeckt, die Annahmen zum Stromverbrauch für alle europäischen Länder neu bewertet. Insbesondere Deutschland und Italien gelten als besonders stark von möglichen Zollauswirkungen betroffen, da sie bedeutende Produzenten von in die USA exportierten Gütern sind.
Für diese beiden Länder haben wir den gesamten jährlichen Stromverbrauch für 2026 und 2027 jeweils um 2,5 % nach unten korrigiert und gehen von einer schrittweisen Erholung gegen Ende des Jahrzehnts aus.
Anschließend haben wir im neuen fundamentalen Strommarktmodell von Insight Simulationen unter zwei zentralen Szenarien durchgeführt:
Szenario 1 – Moderat pessimistisch: Ein zusätzlicher Rückgang des Verbrauchs um 2 % in den nächsten zwei Jahren.
Szenario 2 – Stark pessimistisch: Ein stärkerer Rückgang um 5 % im gleichen Zeitraum.
Die Ergebnisse der gesamteuropäischen Optimierung im Modell von Insight bieten eine klare Perspektive auf mögliche Auswirkungen auf Preise, grenzüberschreitende Flüsse und die Strombilanz. Wir haben die Verbrauchsannahmen aus beiden Szenarien verwendet, um die Ergebnisse zu testen.
Nachfolgend zeigen wir die Ergebnisse für Deutschland auf Basis der Marktschlusskurse für Brennstoffe und CO₂ vom 28. April.

Ein starker Rückgang des Verbrauchs (Szenario 2) würde nicht nur zu einer Senkung der Strompreise um mehr als 10 % in den nächsten zwei Jahren führen, sondern auch den Gas-to-Power-Verbrauch deutlich verringern. Dies würde ein bärisches Element zu unserer ohnehin schon bärischen Gasprognose für Deutschland und Kontinentaleuropa hinzufügen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die bisher durchgeführten Simulationen uns helfen, die bärischen Auswirkungen einer möglichen Verlangsamung der europäischen Wirtschaft zu erkennen, falls die USA (Europas wichtigster internationaler Exportpartner) schwerwiegende Zölle verhängen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es noch zu früh, um vorherzusagen, wie sich der Handelsstreit entwickeln wird – es herrscht nach wie vor große Unsicherheit. Vergangene Woche wurden die Aktienmärkte erstmals am Freitag, dem 23. Mai, durch Ankündigungen neuer 50-%-Zölle gegenüber der EU erschüttert. Nach einem anfänglichen Einbruch erholten sich die Märkte am Montag, dem 26. Mai, aufgrund der Verschiebung jeglicher weiterer Entscheidung bis zum 9. Juli. Wir müssen das endgültige Ergebnis der EU-US-Verhandlungen abwarten und werden weitere Analysen bereitstellen, sobald neue Informationen vorliegen, um die Auswirkungen auf die Strom- und Gasmärkte präziser zu quantifizieren.

Angesichts der fortschreitenden Integration der europäischen Strommärkte, des Übergangs des japanischen Strommarkts zu organisierten Börsen und der zunehmenden Preisvolatilität auf den Strommärkten gewinnen Futures und Terminkontrakte erheblich an Bedeutung. Unsere umfassenden Preisprognosen für Forward- und Futures-Märkte liefern aufschlussreiche, dynamische Daten und befähigen Kunden, effektive Absicherungsstrategien zu entwickeln.
Energy Market Data & Forecasts